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Orte zum Wachsen – Spielorte in der Natur im Waldwiesel-Wald

Einleitung

Seit tausenden von Jahren spielen Kinder in der Natur und sammeln dort essentielle Primärerfahrungen. Diese Verbindung zur Natur ist tief in uns verankert. Unsere Wahrnehmung und unser Körper sind darauf ausgelegt, diese Naturspielplätze wie deren Lebewesen zu entdecken, sie mit allen Sinnen zu erfahren. Haben Kinder die Möglichkeit an diesen Naturplätzen zu wirken und zu sein, ergibt sich eine Vielzahl von stärkenden Effekten. Dahinter steht die zeitlose Frage: „Was (für Naturplätze) brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung?“


Vielfältiges und abwechslungsreiches Gelände

„Der Reichtum der Natur bietet für jedes Entwicklungsalter eine unerschöpfliche Fülle an Möglichkeiten.“

Wenn wir einen Blick in naturnahes Waldgelände werfen, fällt uns auf, dass es hinauf und hinunter geht, es geht über Stock und Stein, es gibt weiche Moose zum Ausruhen, steile Abhänge zum Rutschen und Purzeln, Mulden zum Hineinkauern, Wurzeln zum Klettern und Balancieren, dichtes Gebüsch zum Verstecken. Bei Waldwiesel zum Beispiel haben wir einen bei den Kindern sehr beliebten Platz beim Tipi die „Pieksiwelt“. Dieser Platz ist eine von dichten Büschen verwachsene, steile Böschung mit teils lehmigen und teils steinigeren Boden, sie bietet viele heimelige Gänge und Verstecke, die durch das Hindurchbewegen der Kinder entstanden sind. Die Kinder lieben es im Dickicht der Sträucher, Rollenspiele zu erfinden, zu klettern oder nach Schätzen zu suchen, Erde in Gefäße zu füllen und die Erdlöcher auf Bewohner zu untersuchen.

Die Pflanzen und Tierwelt

„Wir lernen uns als Teil des Waldes zu erkennen und zu erfahren.“

Kinder lieben Tiere. Wildtiere jedoch in der freien Natur direkt beobachten zu können, ist nicht immer einfach. Was man aber in Hülle und Fülle findet, sind Tierspuren, Trittsiegel im Matsch, angenagte Fichtenzapfen, Fraßspuren an Haselnüssen, Federn von Singvögeln, Losungen, Knochen und Fellreste. Die Spuren faszinieren die Kinder und regen an sich Gedanken darüber zu machen, was bloß an dieser Stelle passiert sein mag.
Naturnah bewirtschaftete Mischwälder sind durch ihre Artenvielfalt besonders interessant. Bei Waldwiesel lieben die Kinder vor allem die jungen Eichen zum Klettern, die mit ihren tiefreichenden, stabilen Äste förmlich dazu einladen sich auf ihnen zu bewegen und deren Durchmesser mühelos von den Kinderhänden umfasst werden kann. Die Bäume mit bodennahen Ästen eignen sich hervorragend zum Bespielen, sie werden vom Feuerwehrauto, mit einem biegsamen Ast als Scheibenwischer, über die Mondrakete, bis zum Baumhaus für alles eingesetzt, was die Fantasie erlaubt. Wiesen bieten eine weiche, duftende Unterlage fürs Sitzen, Krabbeln, Laufen, Herumtollen und Liegen, sie begünstigen großräumiges Bewegen und Spielen. Geneigte Wiesenflächen laden zum Herunterrollen und Purzeln ein. Ganz nebenbei entdecken die Kinder auch die verschiedenartigen Krabbeltiere und Bodenlebewesen. Was auf so einer Wiese alles an Leben unterwegs ist!


Wasser

Kinder sind wie magisch angezogen von diesem Element und wollen spüren wie es sich auf der Haut anfühlt, wie es riecht und wie es spritzt, wenn man mit einem Stock hineinschlägt. Sie sind davon begeistert wie es Wellen und Strudel bildet, wie viel sich an Leben in dieser Flüssigkeit verbirgt. Eine Lieblingstätigkeit der Waldwiesel ist es Wasserläufe und kleine Teiche im Erdhügel zu graben um zu erleben wie sich das Wasser bewegt und sammelt.

Mikroklima

Für jedes Wetter gibt es geeignete Stellen im Wald. Regnet es in Strömen, könnte es der dichte Hainbuchenwald sein, wo bei größeren Regenmengen kleine Rinnsale entstehen die durch den Boden mäandern und dazu einladen Staudämme oder Brücken zu bauen oder einfach nach Herzenslust darin zu plantschen und die Bewegung des Wassers zu genießen. Wenn es windiger ist, bieten sich Plätze an, die nur von Sträuchern und jungen Bäumen bewachsen sind und durch ihre Lage und Landschaftsform Schutz vor der Kälte bieten. Bei Waldwiesel sind wir oft erstaunt welche lokalen Temperaturunterschiede es geben kann. Weht an einem sonnigen Tag am Abholplatz der Wind, sodass man das Bedürfnis nach einer Jacke verspürt, sitzt man zeitgleich hundert Meter weiter im windgeschützten Hohlweg mit wohliger Wärme im kurzem Leibchen.


Erde

Mit Erde zu spielen heißt zu gestalten, zu formen, zu graben, zu schmieren und zu gatschen. Es heißt Selbstwirksamkeit zu erfahren, Schöpfer der eigenen Welt zu sein. Die Erde gibt uns Stabilität und Sicherheit, sie ist der Boden auf dem wir stehen. Sie lädt dazu ein, die eigenen Ideen aktiv in die Tat umzusetzen, sie ist ein Spiegel der eigenen Empfindungen, sie kann gesiebt und locker, fein und weich wie Seide sein, oder verdichtet und hart wie Beton. In der „Hexenküche“ werden gerne „Gatschgerichte“ mit Erde gekocht. Angefangen von Gatsch-Suppen, Knödeln, Pizza mit Kräutern bis zu Kaffee. Mit welcher Hingabe, Ausdauer und Liebe zum Detail die Kinder ihre Speisen hier zubereiten.

Totholz und Holz von Sträuchern als Spiel- und Werkmaterial

„Mögen deine Wurzeln tief in die Erde, und deine Äste weit in den Himmel reichen.“

Natürliche Materialien eignen sich besonders für kreatives, fantasiereiches Spiel, da sie keine vorgegebene Funktion haben, sie fordern den Menschen heraus, dem Gefundenen selbst Bedeutung zu geben. Hier findet ein Schöpfungsprozess statt, das Kind erschafft durch seine Geisteskraft aus dem Stock die Bohrmaschine, den Staubsauger oder das Schwert, je nachdem was die Situation verlangt. Da nicht durch die Gestaltung vorgegeben ist, was das Naturmaterial für eine Bedeutung hat, entsteht auch ein Anreiz und oft sogar eine Notwendigkeit, die eigenen Ideen zu kommunizieren um die Spielvorstellungen auszutauschen und in ein gemeinsames Spiel mit anderen Kindern zu finden.
Weiches Strauchholz wie Haselnuss eignet sich hervorragend zum Schnitzen mit dem Taschenmesser. Die Kinder lieben es, eigene Gegenstände oder Werkzeuge zu kreieren, Haselnussmesser in allen Formen und Größen herzustellen vom „Babymesser“ bis zum „Fleischhackermesser“, Holzhämmer, Gabeln, Spieße oder Erdhacken. Hier kennt die Fantasie keine Grenzen. Was für ein Leuchten in den Augen der Kinder entsteht, wenn sie es vollbringen, ihre Idee in die Tat umzusetzen und ihre eigene Wirksamkeit erfahren.

Der Faktor Zeit

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ –Sprichwort aus Sambia

Kinder brauchen genügend Zeit um mit den Naturspielplätzen wirklich in Kontakt kommen zu können. Jedes Kind hat hierfür sein eigenes Tempo und es gibt die ganze Bandbreite von sofort losstarten bis zu keine Idee haben, was man hier draußen tun könnte – was sich anfangs auch über Wochen ziehen kann. Bei Waldwiesel akzeptieren wir dieses Tempo, das dem Kind innewohnt und legen den Fokus darauf, genug Raum für einen langsamen Beziehungsaufbau zu schaffen. Diese Herangehensweise bewahrt den Eigenimpuls. Die Kinder können selbst aktiv werden und die Umwelt verändern und beeinflussen. Langeweile darf auch einmal sein und kann der Boden für zuvor ungeahnte, neue Einfälle sein.
Durch Druck von außen mehr mit der Umwelt in Kontakt zu treten, entsteht vor allem Widerstand, da Kinder ihre Integrität beschützen wollen.
Kinder, die zu sich zu Beginn für alles eine Erlaubnis holen wollen, brauchen Zeit sich selbst zu organisieren. Sie lernen Situationen in einem sicheren Rahmen selbst einzuschätzen und in Begleitung die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, z.B.: „Ist dir gerade warm genug um die Jacke auszuziehen?“
Durch achtsame Begleitung der Kinder als auch der Eltern, sowie den vielfältigen Anreizen, die die Natur bietet, sehen wir unseren Beitrag zu einem nahrhaften Boden für eine gesunde Entwicklung.
Bei Waldwiesel wollen wird den Kindern die Zeit und den Raum geben, ihre eigenen Grenzen zu entdecken und über sich hinaus zu wachsen, die natürlichen Spielorte bieten unserer Erfahrung nach die ideale Basis dafür.

Literatur

Miklitz, Ingrid: Der Waldkindergarten. Dimension eines pädagogischen Ansatzes. Berlin, 2011. Cornelsen Verlag Scriptor.
Renz-Polster, Herbert; Hüther, Gerald: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Weinheim und Basel, 2013. Beltz Verlag.
Andreas Raith und Armin Lude: Startkapital Natur. Wie Naturerfahrung die kindliche Entwicklung fördert. München, 2014. Oekom Verlag.
Wild, Rebeca. Sein zum Erziehen. Mit Kindern leben lernen. Heidelberg, 1991. Arbor Verlag.

Autor

LAURENZ GARSCHALL
Dipl. Kindergartenpädagoge, Waldpädagoge
Co-Gründer und Leiter von Waldwiesel, langjährige Erfahrung als Waldpädagoge in der Kindergruppe Waldfexxx in Egelsee


Männer im Kindergarten

Vor einiger Zeit hab ich mir das Thema „Männer im Kindergarten“ (bzw. in der Kindergruppe) als mein nächstes Blogthema vorgenommen. Aber dann bin ich im Entwurfstadium stecken geblieben, weil es mir plötzlich zu banal vorkam, irgendeine Aussage hinsichtlich der Qualität von pädagogischer Arbeit einfach nur am Geschlecht festzumachen, sozusagen ein zufälliges Element, für das mann nichts geleistet hat und nichts kann.

Und doch ist das Thema der Rede und einiges Nachdenkens wert, nicht zuletzt weil man selbst als Mann in der Elementarpädagogik immer wieder darauf angesprochen wird, weil man von Außenstehenden oft als Exot angesehen, immer wieder aber auch als Vorbild und Vorreiter gelobt wird.

Mir ist das immer ein wenig befremdlich und auch peinlich. In der Alltagsarbeit in der Gruppe mit drei- bis sechsjährigen Kindern ist mein Mann-Sein eigentlich kein Thema, alle Eltern und Kinder sehen mich als einen Teil eines pädagogischen Teams mit einem individuellen Zugang. Ich bin fast schon so lange Betreuer in der Kindergruppe wie diese existiert und als solcher ein fixer Bestandteil der Gruppenphilosophie die die Eltern praktisch „mitkaufen“, wenn sie ihr Kind für unsere Gruppe anmelden.

Ich gebe aber zu, dass mein „Exotentum“ in einer weiblich dominierten Berufsgruppe eine willkommene Rechtfertigung für eine manchmal unkonventionelle Herangehensweise an pädagogische Alltagsfragen darstellt. Dass das weitgehend gelingt, setzt aber auch eine sehr bewußte und offene Teamarbeit voraus, sodass sich die Kolleginnen nicht von meinem Stil genervt sondern (hoffentlich) bereichert fühlen und im Gegenzug auch ich meine Wertschätzung für ihre Arbeit zum Ausdruck bringe.

 

Wenn man ein bisschen recherchiert, stößt man auf Zahlen wie: nur 1 bis 1,5 Prozent des kindergartenpädagogischen Personals ist männlich. In Österreich. In Dänemark oder Norwegen beträgt der Anteil der Kindergärtner immerhin an die 10 Prozent. 80 Prozent aller männlichen Absolventen einer BAKIP entscheiden sich gegen die Arbeit im Kindergarten. Das Einstiegsgehalt im Kindergarten liegt zwischen 1900 und 2100 Euro brutto (für Kindergartenpädagogen in NÖ Kindergruppen sind es derzeit 2052 Euro) – das ist vielen pädagogisch ausgebildeten Männern zu wenig.

In einer kleinen Umfrage aus dem Stegreif habe ich die Gruppen der Plattform Zukunft Bildung NÖ gefragt, wie der Anteil an männlichem Personal bei ihnen aussieht: immerhin 14 Initiativen haben geantwortet und ihre Daten geschickt: in diesen Gruppen kommen im Kindergartenalter 10,5 Männer auf insgesamt 50,5 PädagogInnen, also knapp über 20%. Natürlich ist dieses Sample nicht repräsentativ, zudem muss man immer davon ausgehen, dass die positiven Antworten eher von jenen Gruppen kommen, die eben männliches Personal beschäftigt haben. Trotzdem kann man die Tendenz erkennen, dass in unseren Initiativen männliche Betreuer im Vergleich zum öffentlichen Bereich überdimensional vertreten sind. Auch im schulischen Bereich kommen die Initiativen der Plattform übrigens auf 36 Prozent Männer.

Der Erziehungswissenschaftler Josef Christian Aigner hat sich viel mit dem Thema Männer in der Elementarpädagogik beschäftigt und meint, einer der Gründe warum sich Burschen schwer tun, im Kindergarten Fuß zu fassen sei, dass der Kindergarten zu wenige Möglichkeiten bietet, die Arbeit mit den Kindern den Bedürfnissen und Wünschen der jungen Männer entsprechend zu gestalten. Vor allem das körperliche Element – Sport und Bewegung, Erlebnisse in der Natur, wilde, raumgreifende Spiele, Raufen und Kampfspiele würden die männlichen Pädagogen gerne zulassen und fördern. Diesbezüglich ernten sie von Seiten der Kindergartenleitung und auch schon im Rahmen der Ausbildung eher Unverständnis und Vorbehalte. Die jungen Männer lernen, dass dieses Angebot im Kindergarten eher nicht erwünscht ist und dass sie sich an die vorgegebenen Spielregeln halten sollen, wenn sie im Kindergarten tätig sein wollen. Und sie wenden sich ab.

In den freien und elternverwalteten Kindergruppen finden sie vielleicht eher die Möglichkeit, diese Impulse umzusetzen und zu einem Teil des Gruppenangebotes zu machen.

Eine Studie des Instituts für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Uni Innsbruck hat ergeben, dass es besonders die Buben sind, die von der Anwesenheit einer männlichen Betreuungsperson profitieren. Diese zeigten bei gemischtgeschlechtlichen Fachkräfte-Teams etwa deutlich extrovertierteres Verhalten, bewegten sich mehr und waren aktiver und weniger "angepasst". Verhaltensunterschiede wurden vor allem bei jenen Burschen festgemacht, "die real kaum von einer präsenten Vaterfigur profitieren konnten".

 

Gefühlsmäßig ist das allen klar, alle wissen, dass es auch in jungen Jahren männliche Bezugspersonen braucht, dass die Burschen ein positves Role-Model brauchen und auch die Mädchen von der regelmäßigen Anwesenheit eines Mannes im Kindergarten profitieren.Nur am Rande gestreift sei auch der vermutlich positive Effekt von gemischtgeschlechtlichen PädagogInnen-Teams auf das Klima im Team und die Arbeit der BetreuerInnen.

Wenn alles so klar positiv ist: wieso gibt es dann doch so wenige Burschen, die sich bewußt für die Arbeit mit Kindern im jungen Alter entscheiden? Sind es die gesellschaftlichen Vorurteile, die Männern die sich für die Arbeit mit kleinen Kinder interessieren suggerieren, sie seien unmännlich oder gar latent pädophil? Ist es die vergleichsweise schlechte Bezahlung oder das geringe Renommee des Berufsbild?

Ich habe keine Ahnung, weiß jedoch, dass für mich das Arbeiten mit Kindern im Kindergartenalter genau das Richtige ist, dass ich das Gefühl habe, in der luxuriösen Position zu sein, wirklich Zeit für wichtige und erfüllende Bildungs- und Beziehungsarbeit zu haben, gleichzeitig auch merke, dass alles was ich tue und anrege, oft unmittelbare Wirkung zeigt und sowohl von den Kindern als auch von deren Eltern extrem wertgeschätzt wird.

Und ich glaube, dass es da draußen viele Burschen und junge Männer gibt, die das Talent dazu haben, mit Kindern bildend umzugehen, ihnen ein Vorbild zu sein und sie ein Stück weit auf ihrem Weg zu begleiten. Es wäre schade, wenn es nicht gelingt, einige von ihnen einzubinden und ihnen die Arbeit in der Kindergruppe bzw. im Kindergarten schmackhaft zu machen.

 

Ja

Fest der Bildung - immer wieder ein Erlebnis

Zum vierten Mal hat heuer ein gemeinsames Fest der Bildung (bzw.ein niederösterreichischer Reformtag) stattgefunden, und ich kann mit einem gewissen Stolz sagen: wir von der KIKO waren immer dabei.

Dabei ist es für uns als kleine Gruppe (15 Kinder, 3 BetreuerInnen) immer ein ordentlicher Aufwand: Kapazitäten freischaufeln, ein Angebot für das Fest kreieren, Material beschaffen, Ausrüstung besorgen, Helfer (Eltern) motivieren und animieren, alles verladen und oft quer durch halb Niederösterreich transportieren, dann am Fest stundenlang einen Bastelstand betreuen, helfen, erklären, werkeln, schließlich aufräumen, einladen und alles wieder ordentlich einsortieren.

Aber dann ist man am Abend zu Hause doch richtig euphorisch und glücklich, weil es so toll gelaufen ist, weil es so schön war und lustig, weil man so viele nette und interessante und auch schrullige Menschen getroffen hat. Ja, vor allem wegen der Menschen. Und erst zu Hause fällt mir auf: ich hab den ganzen Tag auf dem Fest keinen gesehen, der ständig an seinem Smartphone herumgetan hätte, kein Kind das dröge auf einem Bildschirm rumgewischt hätte, keine Ohrstöpsel und kein Nintendo. Es waren alle mit echten Sachen beschäftigt: reden, spielen, basteln, essen, rumhängen, rennen, zuschauen... Dass es so was heutzutage noch gibt, ist eigentlich schon ein Wunder.

Und mir wird klar: wir ReformpädagogInnen und unsere Kinder und Eltern, wir sind schon besondere Menschen. Besonders nicht im Sinne von besser oder überlegen, sondern echter, lebendiger, unverstellter. Irgendwie interessanter. Es ist die Art von Menschen, in deren Gegenwart ich mich wohl fühle, die irgendwie von meiner Sorte sind. Man wäre versucht zu sagen "Geschwister im Geiste", wenn das nicht so abgedroschen klingen würde.

Egal: es war wirklich sehr schön am Fest der Bildung. Die Zeit ist wie im Flug vergangen, dabei hätte es noch viel mehr Programm und Angebote gegeben: die Podiumsdiskussion, den Film "1+1=100", ein Kindertheater..., wozu ich als Bastelstandbetreuer gar nicht gekommen bin. Aber so soll´s ja auch sein: viel Remmi-Demmi und das Gefühl: beim nächsten Mal aber, da hol ich alles nach was ich diesmal nicht gesehen habe.

Und ich hoffe, beim nächsten Fest der Bildung kommen auch wieder mehr Leute, vor allem die Bildungsinitiativen, die Schulen und Kindergruppen und Waldkindergärten und Freilerner mit ihren tollen und kreativen Angeboten und Ideen und mit ihren interessanten und guten Menschen.

Weil, Leute: wir müssen raus hinter dem bequemen Ofen unserer gut geölten Inseln der Seligkeit, hinaus in den frischen Wind der Welt, dorthin wo gleich oder ähnlich Gesinnte sitzen und arbeiten, schauen, wie sie es so anlegen, staunen, lernen und teilen. Wir sind die Guten! Let´s get together!

 

 

 

Die Sache mit dem Essen

 
 

Die wiener Stadtzeitung Falter veröffentlichte vor einigen Wochen einen großen Artikel zum Thema Essen. Unter anderem wurde die Journalistin und Buchautorin Susanne Schäfer zitiert mit dem Satz „Die Ernährung dient uns als eine Art Ersatzreligion“.

Das mag überspitzt formuliert sein, bestätigt aber in mancher Hinsicht unsere Erfahrungen. Es ist nicht mehr egal, was, wann, wie viel und in welchen Kombinationen wir essen. Unser Heil, unsere physische Gesundheit, unser ökologischer Fußabdruck scheint davon abzuhängen, dass wir bestimmte Regeln einhalten und bestimmten Versuchungen widerstehen.

Es gibt so viele Ernährungsratgeber, so viele Diäten und Kochbücher, auch viel Sorge seitens der Eltern, etwas falsch zu machen und die Gesundheit der ihnen anvertrauten Kinder zu schädigen.

 

Und so sind auch wir als PädagogInnen einer Kindergruppe konfrontiert mit immer neuen Anforderungen, Wünschen und Ansprüchen die an uns herangetragen werden. Viele Eltern sind interessiert, besorgt oder im Zweifel, ob ihre Kinder bei uns die richtige Ernährung bekommen, manche kommen mit fixen Essenskonzepten zu uns mit der Bitte, diese möglichst eins zu eins für ihr Kind in der Kindergruppe zu übernehmen.

Wir haben uns angewöhnt, in solchen Fällen noch vor dem Eintritt des Kindes ein Gespräch mit den Eltern zu suchen, um klarzustellen, wie unser diesbezüglicher Ansatz aussieht und in welchen Punkten wir den Eltern entgegenkommen können, wo aber auch die Grenzen unserer Flexibilität sind und wir von den Kindern, aber auch von deren Eltern ein gewisses Maß an Akzeptanz und Einordnung erwarten.

Die Anforderungen an uns als Essen Verabreichende sind ohnehin schon so groß genug. Neben den ernährungswissenschaftlichen Grundlagen sind auch ethische, ökologische und hygienische Aspekte zu berücksichtigen. Nicht selten stehen die einzelnen Wünsche der Eltern in gegenseitigem Widerspruch, bzw. im Widerspruch zu den artikulierten Wünschen und Bedürfnissen der Kinder oder zu den Überzeugungen der PädagogInnen.

 

Andererseits geht es beim Essen ja nicht nur um die bloße Nahrungsaufnahme sondern in der Gruppensituation immer auch um den emotional-sozialen Aspekt. Das Essen ist im besten Fall ein Geschenk, das man in der Gemeinschaft miteinander teilt. Dazu gehört alles was Gemeinschaft ausmacht: Kommunikation, Spaß, Selbstdarstellung und Auseinandersetzung. Erst danach kommen kulturelle Errungenschaften wie Esskultur, Tischmanieren oder korrekte Handhabung von Essbesteck.

Die Atmosphäre des Essens gibt vor, ob wir die gemeinsame Mahlzeit genießen können, oder ob Kinder den Esstisch als einen Ort des Erzogen-Werdens und der Disziplinierung erleben. Denn die Esssituation eignet sich natürlich auch hervorragend zur Ausübung von Zwang bzw. in späterer Folge zum Protest gegen eben diese Machtausübung. Wenn es zu Hause solche Machtspiele gibt, werden sie von den Kindern auch in die Gruppe hereingetragen, und es stellt eine große Anforderung an uns PädagogInnen dar, dieses zu erkennen und einen Ausweg zu finden aus einer für alle unbefriedigenden Situation. Voraussetzung dafür ist es, dass wir uns nicht zu den Erfüllungsgehilfen der elterlichen Vorstellungen und Sorgen machen lassen sondern eigenständig und authentisch agieren können.

 

Erst wenn wir es geschafft haben, eine lustvolle, kommunikationsfreudige und entspannte Umgebung für die gemeinsame Mahlzeit zu schaffen, ist es auch möglich, den Kindern unterschiedliche Gerichte und Lebensmittel zu präsentieren und sie dafür zu interessieren. Manche werden ihnen schmecken, andere überhaupt nicht, so sehr wir uns wünschen würden, dass sie es täten. Letzten Endes ist jedes Kind für sich autonom, zu bestimmen, welche Speisen es in seinen Körper einlässt und welche nicht.

Zu diesem Aspekt gibt es auch einen sehr ansprechenden Artikel des bekannten Familientherapeuten Jesper Juul.

 

Wie handhaben wir in der KIKO es aber jetzt mit dem Speiseplan? Nun, unsere Richtschnur ist: wir bieten den Kindern ein Essen an, das wir selber gerne essen wollen und gewähren den Kindern auch jene Ausnahmen und Leckereien (die sogenannten „Ernährungssünden“), die wir uns selber zugestehen.

Da wir das Essen von außen beziehen, haben wir nicht immer vollen Einfluss auf den Menüplan, aber wir versuchen ihn im Rahmen unserer Möglichkeiten zu ergänzen und aufzubessern. Dazu gehören Rohkostteller als Vorspeise oder einzelne Tage, an denen wir mit den Kindern unser Wunschessen zubereiten. Dabei ergibt sich auch die Gelegenheit, den Kindern verschiedene Lebensmittel und ihre Zubereitung nahezubringen, sie erleben und probieren zu lassen oder über ihre Herkunft zu erzählen.

Wir üben keinen Zwang auf die Kinder aus, irgendetwas zu essen oder aufzuessen, aber wir animieren sie nachdrücklich, manchmal über ihren Schatten zu springen und unbekannte Dinge zu probieren.

Worauf wir uns in allen Fällen einigen können ist eine vielfältiges, möglichst frisch gekochtes Essen aus möglichst hochwertigen Grundprodukten, viel Obst und Gemüse und wenig versteckten Zucker.

 

Und wie haltet ihr es mit eurer Gruppe?

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